Claire Abendreh - Lesen in Bildern

Kategorie: Tinte

untitled (casper david friedrich)

2026, Acryl, Pigmente, Tusche auf Jute, 220 × 180 cm, Max Frintrop

Ein Bild im Hochformat, ganz aus Blau, Schwarz und Weiß gebaut und doch nie ruhig. Von links unten nach rechts oben schiebt sich eine Bewegung durch die Fläche, wie ein Körper, der sich aufrichtet, oder ein Eisfeld, das unter Druck aufbricht. Mehrere schräge Bahnen liegen übereinander, getrennt durch helle, wie mit einem Werkzeug eingekratzte Linien. Sie wirken wie Schollen, die sich gegeneinander verschieben. Man spürt Wasser, Eis und Nacht.

Das Bild erinnert an „Das Eismeer“ aus dem Spätwerk Caspar David Friedrichs, vermutlich durch ein Tagesgeschehen angeregt, war Friedrich selbst doch nie am Polarmeer. Auch sind die beiden Maler sich darin einig, ihre Bilder zuerst vor dem geistigen Auge zu sehen und dann zutage zu fördern, was sie in diesem Dunkel sahen.

Die Oberfläche von Frintrops Werk scheint von vielen Arbeitsgängen zu erzählen. Tatsächlich entstand sie in Alla-prima-Technik, auf Anhieb und in einem Arbeitsgang. Tiefes Nachtblau und Schwarz sind gegossen und verlaufen, an manchen Stellen haben sich zarte Bläschen und zellartige Strukturen gebildet, als hätte die Farbe beim Trocknen geatmet. An den Rändern der dunklen Zonen liegen feine Sprühnebel, weich wie Rauch, und kleine schwarze wie hellblaue Tropfen sind über den hellen Grund gespritzt. Oben rechts ballt sich das Schwarz zu einer schweren, wolkenartigen Masse, durchzogen von feinen Rissen und einem dünnen weißen Spalt, bedrohlich und zugleich merkwürdig still.

Je weiter unten, desto heller wird es. Himmelblau fließt in Streifen aus, die Farbe wird durchscheinend, fast wässrig. Ein letztes blaues Band quert das untere Drittel. Darunter öffnet sich eine weite, blasse Fläche, in der man aufatmen kann. Das Bild scheint einen Moment festzuhalten, in dem etwas kippt: Kälte und Tiefe, Zerbrechlichkeit und Kraft.

Der Künstler sieht sich eindringen in ein Meer von Gemälden, tief in Farbschichten, hin zu ersten Färbungen, ersten Tropfen, zum Urgrund von Werken, auch der Caspar David Friedrichs. Sein Prozess der Bildentstehung ist dabei weit entfernt von dem Friedrichs, doch sind sich beide gleich in der Betonung der Fantasie und ihrer Offenheit für Inspirationen während der Entstehung.

Alle Poesie beginnt in diesem Bewusstlosen. So kann die Gegenwartserfahrung ein Ausgangspunkt sein. Danach führt das Werk seine Betrachtenden jedoch vom Außen zurück in ihr eigenes Inneres und bezieht sie in die Werkeroberung mit ein.

Bedeutung


Martin Assigs „Bedeutung“ (St. Peter No. 846, 6.7.2017) ist ein gerahmtes Kunstwerk aus Enkaustik und Wachskreide auf Papier (ca. 30×38 cm). 

Das gerahmte Kunstwerk von Martin Assig mit dem Titel „Bedeutung“ zeigt eine symmetrische, tintenklecksartige Komposition in kräftigem Kobaltblau auf einem cremefarbenen Grund, unterlegt mit farbigen Schraffuren. Die Bildsprache erinnert an einen klassischen Rorschach-Tintenklecks-Test, bei dem eine spiegelsymmetrische Form durch Falten eines Blattes entsteht.

Die Symmetrie entlang der vertikalen und horizontalen Mittelachse erscheint als große, organisch geformte blaue Masse im Zentrum. Sie reicht von oben bis unten und lässt in der Mitte eine schmale Zickzackform frei, ebenso cremefarben wie der Grund. Die Form wirkt ähnlich einer Wirbelsäule oder einer gotischen Turmspitze. Diese zentrale Form ist kreuzartig und zieht die Aufmerksamkeit an.

Um dieses Zentrum herum gruppieren sich in den vier Eckbereichen kleinere, ebenfalls tintenblaue Formen, die an stilisierte Blüten, Kreuze oder florale Ornamente erinnern. Diese Formen erinnern auch an Köpfe im Profil, die sich einander zuwenden oder voneinander abwenden. Die Kreuze an den Hinterköpfen können auch Zöpfe sein. Alles hat mindestens eine doppelte Bedeutung. Von diesen Eckformen gehen dreieckige, strahlenartige blaue Zacken aus, die diagonal nach außen in Richtung der Bildränder weisen und dem Werk eine explosive, radiale Dynamik verleihen.

Farbgebung und Hintergrund

Der Hintergrund besteht aus dem cremeweißen Grundton, der mit zarten Strichen in Gelb-, Grün- und Orangetönen unterlegt ist. Hier entsteht eine lebendige Textur mit einem warmen Kontrast zum satten, tiefen Blau der Formen. Oben und unten wird die Komposition von schmalen, dunkelgrauen bis schwarzen horizontalen Balken eingerahmt.

Beschriftung und Signatur

Unterhalb der Bildkomposition ist handschriftlich der Titel „Bedeutung“ vermerkt, darunter eine Zeile mit weiteren Angaben wie Datum und Werknummer. In der rechten unteren Ecke befindet sich ein kleines schwarzes Feld mit dem Buchstaben „A.“ – dem Kürzel des Künstlers.

Gesamteindruck

Die Kombination aus präziser Symmetrie, kräftigem Blau und der assoziativen, tintenklecksartigen Form erzeugt eine Wirkung, die zwischen wissenschaftlichem Test-Bild (Rorschach-Assoziation) und dekorativem, textilartigem Ornament changiert. Der Titel „Bedeutung“ fordert den Betrachter explizit dazu auf, in der abstrakten Form eine eigene Deutung oder Projektion zu erkennen – ganz im Sinne der psychologischen Funktion, die dem Rorschach-Test zugrunde liegt.

Abendschauer über der großen Brücke in Atake


Holzschnitt von Utagawa Hiroshige,, 1857 aus der Serie 100 berühmte Ansichten von Edo

Der Holzschnitt Abendschauer über der großen Brücke in Atake ist Teil der Farbholzschnittserie 100 berühmte Ansichten von Edo des japanischen Malers und Farbholzschnittkünstlers Utagawa Hiroshige. Im Vordergrund die Darstellung des Regens mit schrägen, sich verschränkenden schwarzen Strichen im Vordergrund – ein Schauer ohne Sturm, beharrlich, ausdauernd.

Dahinter die abendliche Landschaft: am oberen Rand schmal und dunkel das andere Ufer mit dem Stadtteil Atake, wo Bootshäuser angedeutet sind, exotische Bäume, rechts der Turm eines Tempels.

Der Keil des breiten Flusses beherrscht die Fläche in Form eines Dreiecks wie ein nach rechts weisender Pfeil. Mitten darauf ein auf dem Blatt nur etwa einen Zentimeter langes Floß und ein geradezu tollkühner und waghalsiger Drei-Millimeter-Flößer. Mit wenigen Strichen zum Leben erweckt, schifft der Flößer flach zusammengebundene Holzbalken mit einer langen Stange gegen die Pfeilrichtung des Flusses und hat es spürbar schwer mit dem Vorankommen.

Unter dem Pfeil tritt die große, hohe Brücke schräg, stabil und zugleich dynamisch ins Bild, hell thront der Balkenweg auf einer mächtigen dunklen Holzkonstruktion.

Wenige Gestalten überqueren die Brücke, jede auf ihre Weise dem Regen trotzend, verborgen unter Schirmen, Hüten oder weit über die Köpfe gezogenen Strohmatten. Drei Figuren teilen sich einen Schirm Mitte der Brücke und erwecken den Eindruck, vom Regen überrascht worden zu sein. Diese Darstellung wird als proto-filmisch bezeichnet.

Das Ōban-Hochformat (ca. 33,8 × 22,1 cm) ist mit einem Papierrand versehen, der das Bild mittels schwarzer Kontur abgegrenzt und den Anschein eines gerahmten Bildes erweckt.

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