Claire Abendreh - Lesen in Bildern

Kategorie: abstrakt

Akissika

Bernhard Beyer, Tempera auf HDF, 115×39 cm, 02/2026

Ein schmales, liegendes Format – fast wie eine Landschaft, die an einem vorbeizieht, doch saugt diese vielmehr in eine Tiefe hinein. Frontal. Ein breiter, dunkelvioletter Pinselschwung umfängt das Vorgefundene und lenkt alle Aufmerksamkeit auf sich – so entsteht der Bildraum.

Die Bewegung des breiten Pinsels wirkt wie Kalligraphie – schön für das künstlerische Auge. Doch darunter hält der klare Schwung wie eine Kralle etwas in der Bildmitte fest: eine Tatsache, umwerfend klar und zugleich nicht sofort aufzuklären.
Darin fein gemalte Details: Vielleicht Steilhänge, kurvige Wege und sich durch Täler windende Bachläufe.
Oder sind es Chiffren, Runen, geritzte Zeichen einer unleserlichen Schrift – „Akissika“? Gelb bis Türkis, in Grau übergehend, liegen sie schräg und schmutzig auf der hellgelben Bildfläche.

Der Titel, „Akissika“, ein Wort, das sich sperrt, das nicht sofort eine Bedeutung preisgibt. Liest man ihn rückwärts, bleibt es dasselbe: ein Spiegelwort. Ein Sprachbild für die bipolare Dynamik des Gemäldes: das Schwergewicht des Dunkelvioletts gegen das helle Gelb, die wässrige dunkle Pinselführung gegen mit trockenem Pinsel fein gezeichnete Markierungen. Die Wirkung changiert, lässt den Blick wandern, zurückkehren, führt ihn erneut in den Bildraum. Immer eine Gratwanderung machend.

Schmal und landschaftsartig scheint sich diese Reise zu entfalten, im Zeitfenster, während die spiegelnde Lesart des Titels „Akissika“ eine weitere Ebene eröffnet – als ob die Landschaft nicht nur gesehen, sondern auch gelesen werden müsse. Da sind weitere Sichtweisen: Akis-Sika. Das Sika-Wild, die Rehe und Hirsche. Landschaft und Lebewesen fallen ineinander, wie es dem Titel selbst entspricht. Der violettgraue Schwung, der sich bogenartig um das Bild zieht, wird nun lesbar als Geweih, als jene verzweigte, sich schwingende Linie, die sich bogenförmig an den rechten und linken Rand streckt. Auch die feinen blauen Linien im Gelb darunter, könnten die Beine eines Tieres sein, das sich durchs Unterholz bewegt, oder die Fährte, die es hinterlassen hat.

Bedeutung


Martin Assigs „Bedeutung“ (St. Peter No. 846, 6.7.2017) ist ein gerahmtes Kunstwerk aus Enkaustik und Wachskreide auf Papier (ca. 30×38 cm). 

Das gerahmte Kunstwerk von Martin Assig mit dem Titel „Bedeutung“ zeigt eine symmetrische, tintenklecksartige Komposition in kräftigem Kobaltblau auf einem cremefarbenen Grund, unterlegt mit farbigen Schraffuren. Die Bildsprache erinnert an einen klassischen Rorschach-Tintenklecks-Test, bei dem eine spiegelsymmetrische Form durch Falten eines Blattes entsteht.

Die Symmetrie entlang der vertikalen und horizontalen Mittelachse erscheint als große, organisch geformte blaue Masse im Zentrum. Sie reicht von oben bis unten und lässt in der Mitte eine schmale Zickzackform frei, ebenso cremefarben wie der Grund. Die Form wirkt ähnlich einer Wirbelsäule oder einer gotischen Turmspitze. Diese zentrale Form ist kreuzartig und zieht die Aufmerksamkeit an.

Um dieses Zentrum herum gruppieren sich in den vier Eckbereichen kleinere, ebenfalls tintenblaue Formen, die an stilisierte Blüten, Kreuze oder florale Ornamente erinnern. Diese Formen erinnern auch an Köpfe im Profil, die sich einander zuwenden oder voneinander abwenden. Die Kreuze an den Hinterköpfen können auch Zöpfe sein. Alles hat mindestens eine doppelte Bedeutung. Von diesen Eckformen gehen dreieckige, strahlenartige blaue Zacken aus, die diagonal nach außen in Richtung der Bildränder weisen und dem Werk eine explosive, radiale Dynamik verleihen.

Farbgebung und Hintergrund

Der Hintergrund besteht aus dem cremeweißen Grundton, der mit zarten Strichen in Gelb-, Grün- und Orangetönen unterlegt ist. Hier entsteht eine lebendige Textur mit einem warmen Kontrast zum satten, tiefen Blau der Formen. Oben und unten wird die Komposition von schmalen, dunkelgrauen bis schwarzen horizontalen Balken eingerahmt.

Beschriftung und Signatur

Unterhalb der Bildkomposition ist handschriftlich der Titel „Bedeutung“ vermerkt, darunter eine Zeile mit weiteren Angaben wie Datum und Werknummer. In der rechten unteren Ecke befindet sich ein kleines schwarzes Feld mit dem Buchstaben „A.“ – dem Kürzel des Künstlers.

Gesamteindruck

Die Kombination aus präziser Symmetrie, kräftigem Blau und der assoziativen, tintenklecksartigen Form erzeugt eine Wirkung, die zwischen wissenschaftlichem Test-Bild (Rorschach-Assoziation) und dekorativem, textilartigem Ornament changiert. Der Titel „Bedeutung“ fordert den Betrachter explizit dazu auf, in der abstrakten Form eine eigene Deutung oder Projektion zu erkennen – ganz im Sinne der psychologischen Funktion, die dem Rorschach-Test zugrunde liegt.

Wetter für Füchse

Jochen Zellmann 26.2.80 Pastell und Bleistift auf Papier

Ein kleines Hochformat, zurückgenommen in den Mitteln und doch von eigentümlicher Spannung. Der warme Ocker des Papiers trägt das Bild, nicht als neutraler Grund, sondern als Farbe, die mitspricht.

Ein weißer Rahmen aus Wachspastell fasst die Fläche, ohne sie einzusperren – die Striche sind ungleichmäßig, atmen, und sind doch gesetzt mittels feiner Bleistiftumrandung in einer Blockform: Ist es eine Tür oder ein Fenster, durch das man blickt? Oder ein Thron? Die untere Hälfte ist durch eine gestrichelte Bleistiftlinie zart aufgeteilt und eröffnet einen dreidimensionalen Raum, der an mittelalterliche Raumvorstellungen erinnert oder an solche aus fernen Kulturen – eine Tiefe, die das kleine Format kaum fassen zu können scheint und es doch fasst.

Oben ein blassblaugrüner Fleck, wie eine Wetterkarte, wie ein Himmelsfetzen; darunter Bleistiftlinien, die an Schrift erinnern, ohne lesbar zu sein – Geste statt Botschaft. Drei fuchsrote Striche ziehen sich von oben nach unten durch die Bildfläche, jeder anders: der obere scharf und länglich, fast schneidend; der zweite kürzer, schwerer; der dritte knapper noch, wie ein Nachklang. Zwischen ihnen: Stille, Papier, Luft. Streift der Fuchs über ein Feld?

Unten rechts Datum und Signatur – 26.2.80, Zellmann –, darunter der Titel in spitzen Klammern: Wetter für Füchse. Ein Titel, der mehr verspricht, als er erklärt. Fuchswetter – das ist kein Begriff aus dem Wetterbuch, sondern einer aus dem Gespür: rau, unberechenbar, für Feinsinnige gemacht.

Das Argument

Tempera auf Papier, 113×85 cm 3/26

Aus einer unbestimmten Mitte löst sich das Argument hin zu einem klar konturierten Rand auf. Die Strichführung des Pinsels wechselt. Farbe schichtet sich – mal lasierend, mal deckend, mal flüssig, mal auf die liegende Fläche aufgetragen, mal auf die aufrechte Bildtafel, sichtbar am aufgetrockneten Farbverlauf.

Hier endet nicht die Sprache und beginnt die Musik, wie E. T. A. Hoffmann zitiert wird – nein, hier endet die Sprache und das Auge sieht Farbe, Malerei. Der Titel „das argument‟ ist kein Zufall: Jedes Werk, so der Künstler, ist ein Plädoyer für das Malen. Und stellt den Betrachter vor die Frage: Erwacht im Bild der sprachliche Verstand – oder verstummt er?

Kunst ist Emotion, Sinnlichkeit, führt in unser Inneres, dorthin, wo die Sinne eine Seele beherrschen, die sich behauptet in der Kälte der Welt, geschunden wie die van Goghs. Hätte er länger gelebt – wäre sein Ruhm gewachsen, oder verdankt dieser sich gerade dem frühen Tod? DasWenn bleibt unauflösbar, gerade bei Künstlerlegenden.

Zurück zum Argument für das gemalte Bild: Wer Fantasie mitbringt, könnte Augen im mittleren Teil der Bildfläche erkennen. Ängstliche Augen? Augen, die sobald sie als Farbtupfer enttarnt sind, verschwinden – ein Aufblitzen subtilen Humors.

Der Wechsel scheint Thema zu sein und ist bildimmanent: die wenigen Kleckse in der Mitte sind umrahmt von einzelnen Pinselzeichnungen in grobem Zickzack. Vom gelben, noch grob gemalten Strich bis zum weiten und äußersten Pinselbogen von blauvioletter Farbe, der Ruhe bringt. Und endlich zieht die hellgelbe Welle im untersten Teil des Blattes alle Aufmerksamkeit auf sich, gebiert Assoziationen von eigener Art. Einen goldenen Fluss vielleicht? Ein Verweis zu Bildern, Malereien, die unserer Zeit vertraut sind, vermeintlich schon seit Urzeiten, und die jetzt aus unserem Unterbewusstsein auftauchen.

Das Argument entfaltet sich im Bild. Es steht für die Malerei – mit ihrer Geschichte – und für die Sprache der Farbe, für Raum auf der Fläche, sowie für jene dritte Dimension, die sich hier wie nirgendwo sonst in völliger Freiheit behauptet.

Tsbreh

Bernhard Beyer, Tempera auf Papier, 69x55cm, 10/25.

Es könnte ein Kürbis sein, flächenfüllend dargestellt. Oder ein Klischee von Malerei – vielleicht aus einem Volkshochschulkurs, auf den ersten Blick. Oder gar das Psychogramm der Idee von Malerei selbst?

Hier ist eine grundsätzlich naive Erarbeitung des Formats sichtbar: die Fläche, befüllt mit Pinselstrichen, wie sie jedem Menschen im Blut liegen. Beim Bemalen eines weißen Blattes Papier. Pinselstriche, frei auf der Fläche, ohne Deutung, ohne Bedeutung. Zuerst in freier Entfaltung, raumbildend, das Format abtastend, bis an seine Grenzen gehend. Doch dort ist nur der Rand des Formats.

Im nächsten Moment beginnt das Assoziieren: Ist das eine Höhle? Oder bloß ein Kürbis? Nein, denn oben — dieser Bürzel — könnte der abgekappte Stiel sein, doch die Pinselstriche, die sich erstaunlicherweise rechts und links unten wenden, gehen plötzlich Wege, die kein Kürbis kennt. Die Fantasie bricht ab. Der Pinselstrich bleibt Pinselstrich, das Bild wird wieder zum gemalten Werk, zur aufgetragenen Farbe, zur blanken Illusion.

Und nun? Die Reise darf von vorn beginnen, vielleicht morgen oder übermorgen.

Der unaussprechliche Titel folgt demselben Pfad: vertraut und fremd zugleich. Plötzlich offenbart sich seine Bedeutung — von hinten gelesen: Herbst. Die Entzauberung ist perfekt, denkt der Betrachtende. Doch im nächsten Augenblick ist alles wieder voll von Geheimnis, als wäre das Erklärende nie da gewesen. Die Malerei bleibt undeutbar, fremd, unvertraut.

Und dann, für einen kurzen Moment scheint alles klar — denn wie bei einem Sprung in der Schallplatte, der den Fluss der Musik zerreißt, drängen sich neue Bilder auf: Da eine Pflanze an langem Stängel? Dort eine zweite, doch ihr Stiel knickt ab. Und plötzlich wieder die Höhle.
An ihrer Wand ein Schattenriss – von was? Ein Abbild, das an Platons Gleichnis erinnert? Oder nur die Spur eines Pinselstrichs, der sich weigert, Bedeutung anzunehmen?

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