Claire Abendreh - Lesen in Bildern

Schlagwort: Kunst

Abendschauer über der großen Brücke in Atake


Holzschnitt von Utagawa Hiroshige,, 1857 aus der Serie 100 berühmte Ansichten von Edo

Der Holzschnitt Abendschauer über der großen Brücke in Atake ist Teil der Farbholzschnittserie 100 berühmte Ansichten von Edo des japanischen Malers und Farbholzschnittkünstlers Utagawa Hiroshige. Im Vordergrund die Darstellung des Regens mit schrägen, sich verschränkenden schwarzen Strichen im Vordergrund – ein Schauer ohne Sturm, beharrlich, ausdauernd.

Dahinter die abendliche Landschaft: am oberen Rand schmal und dunkel das andere Ufer mit dem Stadtteil Atake, wo Bootshäuser angedeutet sind, exotische Bäume, rechts der Turm eines Tempels.

Der Keil des breiten Flusses beherrscht die Fläche in Form eines Dreiecks wie ein nach rechts weisender Pfeil. Mitten darauf ein auf dem Blatt nur etwa einen Zentimeter langes Floß und ein geradezu tollkühner und waghalsiger Drei-Millimeter-Flößer. Mit wenigen Strichen zum Leben erweckt, schifft der Flößer flach zusammengebundene Holzbalken mit einer langen Stange gegen die Pfeilrichtung des Flusses und hat es spürbar schwer mit dem Vorankommen.

Unter dem Pfeil tritt die große, hohe Brücke schräg, stabil und zugleich dynamisch ins Bild, hell thront der Balkenweg auf einer mächtigen dunklen Holzkonstruktion.

Wenige Gestalten überqueren die Brücke, jede auf ihre Weise dem Regen trotzend, verborgen unter Schirmen, Hüten oder weit über die Köpfe gezogenen Strohmatten. Drei Figuren teilen sich einen Schirm Mitte der Brücke und erwecken den Eindruck, vom Regen überrascht worden zu sein. Diese Darstellung wird als proto-filmisch bezeichnet.

Das Ōban-Hochformat (ca. 33,8 × 22,1 cm) ist mit einem Papierrand versehen, der das Bild mittels schwarzer Kontur abgegrenzt und den Anschein eines gerahmten Bildes erweckt.

Spuk im Frühling

Bernard Schultze malte ‚Spuk im Frühling’ mit Ölfarbe auf Leinwand im Jahr 2000, 80 × 60 cm. Der Kölner Maler, Vertreter des europäischen Informel neben K.O. Götz und anderen Wegbereitern der gestischen Abstraktion, war damals 85 Jahre alt. Fünf Jahre vor seinem Tod schuf er hier eine jener lyrisch-poetischen Welten, für die sein Werk bekannt wurde – und zugleich ein Bild, das an den Kern dessen rührt, was das Informel ausmacht: die Auflösung der Form und ihre Metamorphose. 
Hell leuchten die Farben: Grau gleitet ins Pink, wird Rosé. Und in diesem Farbgewebe – Naturassoziationen, Profile? Figuren? Tauchen Gesichter auf? Männlein, Weiblein, Gnom und Kobold. Rechts oben scheint ein kleines rotes Teufelchen herumzufliegen. Längst verschwunden, verwandelt es sich vor den Augen des Zuschauers.
Paradox ist dieses späte Werk: Ein Informel, das Figuren gebiert. Doch sind es wirklich Figuren? Oder Projektionen des suchenden Auges, das im Gewebe aus Farbe und Geste nach Vertrautem sucht? Schultze lässt Gestaltetes aus dem Formlosen aufsteigen – und sogleich wieder darin versinken.
Das Bild gewährt – wie so viele Arbeiten Schultzes – täglich neue Einblicke. Es erscheint im wechselnden Licht, dem des einzelnen Tages und dem des eigenen Sehens. Was eben noch eine lustige Ente war verwandelt sich im nächsten Augenblick in den Kopf eines (vollgefressenen) Löwen, bis das Ohr dieses Löwentiers zur schlanken Frauenfigur wechselt, die aufwärts strebt und auf einmal einen Riesenkopf gebiert. Schließlich versickert auch der im in Gelb getauchten Malhimmel, wo hell- bis schmutzig-gelbe Fransen herabhängen wie geronnene Lichtfäden.
Diese Metamorphosen sind keine Spielerei. Sie sind die eigentliche Substanz des Bildes. Was sich hier ereignet, ist ein ständiges Werden und Vergehen – ein Prozess, der nicht zum Stillstand kommt. Die Form ist ein Durchgangsstadium, ein momentanes Gerinnen des Formlosen. Man könnte sagen: Schultze malt nicht das Sein, sondern das Werden selbst.
Am Folgetag ist das Löwentier ein Fels und darin öffnet sich eine herrlich kleine, naturgrün-tiefe Höhle. Erleichtert falle ich in den aufrechten blauen Spalt daneben – ein weiter Raum dahinter, der mich ins Universum führt, in den Kosmos.
Dieser blaue Spalt ist mehr und öffnet sich ins Unendliche, ins Unbegrenzte. Hier scheint eine Gelassenheit durch. Die Gestalten dürfen kommen und gehen. Es gibt kein Festhalten mehr, keine Fixierung. Nur noch: Durchgang, Verwandlung, Fluss.
Fein erscheint diese Malerei, reich an Gestaltung. Zugleich frei und ungebunden.
Hin und wieder lodert eine Glut auf, ein Glühen, das alles versengen könnte. Aber es bleibt beim Konjunktiv, bei der Möglichkeit. Das Destruktive, das im Informel oft als rohe Kraft hervorbricht – die wütende Geste –, ist hier domestiziert, ohne zahnlos zu werden. Die Energie ist da, aber sie wird nicht entfesselt. Sie vibriert unter der Oberfläche, hält alles in Spannung, in Bewegung.
Nebeneinander stehen Violett, Orange, Grün, ein unentschiedenes Bläulich. Beulen treten hervor – organische Assoziationen von Körperteilen –, und dann wieder Blätter, Baum und Strauch, Blüte. Eine Gockel-Assoziation, ein Hase. Alles in Bewegung.
Die Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren ist ein Kennzeichen des Informel: Alles existiert zugleich, ohne hierarchische Ordnung, ohne narrative Logik. Und doch nicht chaotisch, mit eigener Ordnung – der des Lebendigen, des Organischen.
Und dann wieder: Ruhe. Ein friedliches Nebeneinander von ganz Verschiedenem. Der Spuk im Frühling verschwindet.
Spuk – ein seltsames Wort. Es kann Gespenst bedeuten, auch Ulk, Schabernack. Es irrlichtert mal gut, mal bös, bleibt offen, ungewiss. Es macht Spökes, strahlt aus, funkelt hier und da. Ist dies eine These gegen den Frühling? Gegen seine Eindeutigkeit, seine Verheißungen von Neuanfang und Aufbruch? Oder gerade für ihn – für seine überbordende, nicht zu bändigende Lebenskraft, die alle Formen sprengt, die keine Gestalt für länger als einen Augenblick duldet?
Vielleicht ist es beides. Spuk des Unheimlichen im Vertrauten. Jedes Jahr dieselbe Explosion des Lebens, und doch jedes Mal anders.
Das Bild gibt keine Antwort. Es wandelt sich, täglich, stündlich.
Es spukt.

Rückseite von Spuk im Frühling mit dem Namen Bernard Schultze, Entstehungsjahr 2000 und Titel "Spuk im Frühling"
Bernard Schultze
Spuk im Frühling
80×60 cm
2000
Rückseite

better day

Bernhard Beyer – better day, 2023
Tempera auf Papier, 110 × 75 cm

Is today really better, or is it just an illusion? Better Day quietly carries this question within, like a hesitant promise yet to be spoken aloud.

Scratched, tentative brushstrokes in soft pastel tones stretch across the canvas. Ochre, blue, pink, and broken shades of yellow and gray overlap without dissolving. A subtle hint of gray dampens the brightness of the colors, lending the work a quiet melancholy. Yet, even in this restraint, something delicate and hopeful remains, as if the painting has not yet lost its courage.

Up close, the colors reveal themselves to be pure pigments that vary in intensity and are sometimes hastily applied. They touch and overlap at the edges yet remain independent. The gaze wanders, following one color, losing it, and finding another. Some areas seem almost casual, as if applied quickly and decisively, perhaps under time pressure. It’s as if the artist had to capture something before it disappeared.

From a distance, the image begins to open up. Abstraction tips over into memory. Dark drops appear, scattered across the surface like signs or eyes. Initially enigmatic, they eventually become orderly. They do not adhere to a single perspective but rather traverse all planes—front, back, and in between. They anchor the space while simultaneously dissolving it.

Colors rise upward, defying gravity. The image must have been rotated at least once. The painting has lost its orientation—or has deliberately abandoned it. In some areas, the brushstrokes become denser, more compact, and intense—almost urgent. Like a rumor that grows louder. Like a thought that can no longer be suppressed.

Better Day does not speak of certainty. It speaks of searching, layering, hesitation, and moving on. It speaks of the space between yesterday and tomorrow. Those who engage with the painting will find no clear answers, only a depth that sustains. Perhaps this is precisely where the hope for a better day lies.

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